Mein Jahr im Carl-Böttcher-Haus

13 Jahre lang fiebert man darauf hin, endlich das lang ersehnte Abiturzeugnis in den Händen zu halten. 13 Jahre lang lernen, Klausuren schreiben und Referate halten, um dann den Beruf ausüben zu können, der einem Spaß und Freude bereitet. Doch was ist, wenn man nach 13 Jahren überhaupt keine Ahnung hat, welcher von den vielen Berufen, die der Arbeitsmarkt bietet, der richtige ist?
Dass ich mit Menschen arbeiten wollte, das wusste ich schon immer, doch auch diese Erkenntnis grenzte die Suche nur minimal ein. Daher beschloss ich ein Jahr als freiwilliger Helfer im Carl-Böttcher-Haus, einem Wohnheim für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu arbeiten, um herauszufinden, ob mir Arbeit  in diesem Bereich liegt und mir langfristig Freude bereiten kann – und ich wurde nicht enttäuscht.
Schon als ich mir die Einrichtung zum ersten Mal ansah, wusste ich, dass dieses Haus ein ganz besonderes ist. Jeder Mensch kann hier ganz genau so sein, wie er ist. Mit allen Ecken, Kanten und Facetten. Ein ganzes Jahr lang durfte ich die Bewohner, jeder einzigartig und wunderbar, kennenlernen. Jeden Tag aufs Neue wurde ich überrascht von der Offenheit der Menschen, ihrer Fähigkeit, jede Person so zu akzeptieren wie sie ist und sein möchte, ohne voreingenommen zu sein oder über sie zu urteilen.
Egal ob Arztbegleitungen, Unterstützung in alltäglichen Lebenslagen, wie zum Beispiel beim Einkaufen, mit den Bewohnern der Einrichtung zu kochen, oder die Spielnachmittage bei Kaffee und Kuchen mit zu gestalten. Jeder Moment war kostbar und lehrreich. Tag für Tag wuchsen mir die Bewohner und Mitarbeiter des Carl-Böttcher-Hauses mehr ans Herz und bestärkten mich in dem Gedanken, meinen beruflichen Werdegang in Richtung der Sozialen Arbeit zu lenken.
Ob ich es bereue einen Freiwilligendienst geleistet zu haben, werde ich oft gefragt. Meine Antwort: Ein klares Nein. Keine Frage, der Alltag hier ist nicht immer leicht, doch während meiner Arbeit im Carl-Böttcher-Haus hatte ich die Möglichkeit viele interessante Menschen kennen zu lernen, die es mir erlaubten Teil ihres Lebens zu sein. Sie lehrten mich, dass es sich lohnt mutig zu sein,  trotz Niederschlägen hoffnungsvoll ins Leben zu schauen und ich bin dankbar für jede der Erfahrungen, die ich im Laufe meines Freiwilligendienstes machen konnte.